Zusammenfassung: Reha-Kolloquium 2018

Durch dick und dünn - Essstörungen in der Arbeitswelt

Alois Fischer, Geschäftsführer des BFW Leipzig eröffnet das Reha-Kolloquium.
© M. Lindner, BFW Leipzig

Am 16. Mai fand nach zweijähriger Pause, die aufgrund von Baumaßnahmen eingelegt werden musste, das nun schon 5. Rehawissenschaftliche Kolloquium statt. „Durch Dick und Dünn – Essstörungen in der Arbeitswelt“ lautete das diesjährige Thema. Das das IFB AdipositasErkrankungen (ein gemeinsames Zentrum der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig) war nicht nur beratender Partner, sondern stellte gleich drei Fachreferentinnen und -referenten. Bei ihnen und den Referenten bedankte sich Alois Fischer, Geschäftsführer des BFW Leipzig zu Beginn der Veranstaltung.

Die Auswirkungen von Essstörungen auf die Arbeitswelt und die Differenzierung in der Bewertung von Body-Mass-Index (BMI), gesunder Lebensweise und Krankheitsbildern bildeten dann auch die Schwerpunkte der Vorträge und Diskussionen mit den gut 80 Gästen aus Wirtschaft, Medizin und Vertretern von Rentenversicherungen, Arbeitsagenturen und Jobcentern.

Diskriminierung spaltet die Gesellschaft

Natalie Rosenke
© M. Lindner, BFW Leipzig

Natalie Rosenke, 1. Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG) e.V., referierte über die Alltagsdiskriminierung und die Einstellungen der politischen Öffentlichkeit zu einer offenen Betrachtung der Problematik. „Die Diskriminierung spaltet die Gesellschaft“, war ihr Hauptcredo während ihres Referats. Das beginne beim Hänseln im Kinder oder Schule, setze sich bei der Bewerbung für einen Arbeitsplatz fort und habe erkennbare Zeichen im öffentlichen Raum. Man denke nur allein daran, dass laut Robert Koch Institut zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland übergewichtig sind und Sitzmöbel in öffentlichen Verkehrsmitteln noch im Wartebereich von Institutionen dem Rechnung trügen. „Jede und jeder soll individuell anerkannt und als das betrachtet werden, als das was er ist.“

Der BMI ist nicht alleiniger Maßstab

Dr. Thomas Ebert
© M. Lindner, BFW Leipzig

Dr. Thomas Ebert, Facharzt für Innere Medizin, Universitätsklinikum Leipzig und Forscher am IFB Adipositas Erkrankungen lieferte einen Einblick in die medizinische Bewertung von Essstörungen. Dabei stellte er heraus, dass der BMI einstmals eine vergleichbare Messgröße von der Weltgesundheitsorganisation eingeführt wurde, aber nicht wirklich noch zeitgemäß bei der Betrachtung sei. In Deutschland stelle aber der BMI immer noch ein Kriterium für die Abrechnung bei den Krankenkassen dar. Betrachte man aber alleine den Schauspieler Arnold Schwarzenegger, so wäre dieser zu seiner bestens Zeit schwer adipös gewesen ohne ein Gramm Fett. Denn Körpergröße und Körpergewicht standen bei ihm in einem Missverhältnis, wenn man allein den BMI als Maßstab nehmen würde. Es geht also um eine differenzierte Betrachtung des Menschen, „denn Adipositas ist nicht gleich Adipositas.“

Einheit von Umstellung der Ernährung und des Lebensstils

Dr. Tatjana Schütz
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Dr. Tatjana Schütz leitet die Core Unit Ernährung und klinische Phänotypisierung im IFB AdipositasErkrankungen und berichtete übe die Therapieansätze speziell bei Adipositas. Dabei würde man in ihrem Institut mit allen Fachbereichen unter Beachtung der möglichen Folgeerkrankungen und des psychosozialen Leidensdruckes interdisziplinär zusammenarbeiten. Die Therapieziele, die immer individuelle beraten werden, liegen in der kurzfristigen Senkung des Körpergewichts sowie der Stabilisierung und Steigerung der Lebensqualität und der Arbeitsfähigkeit. Die Basis für den Therapieerfolg bilden Ernährung, Bewegung und Verhalten. Die Ernährungsumstellung ist abhängig von einer langfristigen Veränderung des Lebensstils. Dabei wolle man keine Verbote aussprechen, sondern die Betroffenen zu Änderungen der Gewohnheiten führen. Für Menschen mit oder ohne Essstörungen sollte in puncto Bewegung der Grundsatz gelten, sich mehr als 150 Minuten pro Woche sportlich zu betätigen. Und bei der Umstellung des Verhaltens wäre das soziale Umfeld und die Motivation von außen sehr wichtig. Begleitend setze man beim IFB AdipositasErkrankungen auch eine medizinische Therapie ein, die aber von den Patienten selbst getragen werden müsste. Die Bariatrische Operation, also die Magenverkleinerung stelle das letzte Mittel in der Therapie dar. Jedoch hänge der Erfolg aller Therapieansätze stark von der eigenen Krankheitseinsicht ab sowie von der Kommunikation zwischen behandelndem Hausarzt, der mit seinen Patienten über die Entwicklung hin zu Adipositas sprechen offen sollte. Eine Anerkennung von Adipositas als Krankheit wäre für die Betroffenen ebenfalls hilfreich, da sie so mit einer erheblichen Kostenerstattung rechnen könnten.

Prävention und Rehabilitation in der Kindheit wichtig

Dr. Ina Ueberschär
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Aus Rehabilitationssicht betrachtet, ging Dr. Ina Ueberschär, Direktorin der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland i.R., an das Thema Essstörungen heran. Sie stellte klar, dass die Veränderungen in unserem lebensverhalten einhergehen von einer über die Jahre sich entwickelnden Verlagerung der Arbeitswelt vom Muskel- zum Nervenzeitalter. Der Mensch habe sich früher mehr bewegen müssen, körperliche Arbeiten ausführen müssen. Heute nehmen uns Maschinen in vielen Bereichen die schwere Arbeit ab, mehr geistige Arbeitsplätze sind entstanden. Sie betonte, dass nach den medizinischen Therapien viele Möglichkeiten für eine Rehabilitation durch die Deutsche Rentenversicherung (DRV) geboten werden. Ziel sei die Sicherung und Wiederherstellung der sozialen und wirtschaftlichen Teilhabe am gesellschaftlichen und Arbeitsleben. Zur Beratung für Arbeitgeber u.a. auch in der auf dem Kolloquium behandelten Problematik gibt es von der DRV Mitteldeutschland eine Firmenberatung (Tel.: 0800 1000453). Sie verwies zudem auf die Anfänge von Essstörungen wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht, Essanfälle sowie Adipositas. Diese lägen oft in der Kindheit. Gerade die ersten drei Krankheitsbilder sind oft medial geprägt: „Der Hunger nach Schönheit“ Es gebe eine steigende Anzahl von Jugendlichen, die bereits eine Diät gemacht hätte. Die Sterblichkeitsrate bei diesen Süchten wäre gerade im Bereich von Kindern und Jugendlichen sehr hoch. An den Folgen sterben 4 bis 8 Prozent der Erkrankten. 2012 wurden in Deutschland 70 Todesfälle aufgrund von Essstörungen gezählt. Im krassen Gegensatz habe man aber bereits bei 15- bis 16-jährigen Altersdiabetes diagnostiziert. Die DRV biete aber genügend Rehabilitationen für Kinder mit Essstörungen an, die auch mit Begleitung durchgeführt werden könnte. Auch hier ist das soziale Umfeld gefragt, um sich einem Weg zu stellen, der gerade für die Entwicklung der Kinder entscheidend sein kann.

Adipositas kann eine Behinderung im Arbeitsprozess sein

Dr. Stefan Müller
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Rechtsanwalt Dr. Stefan Müller beleuchtet als Fachanwalt das Feld des Arbeitsrechts und erläutert, wie sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf das Thema im Unternehmen einstellen müssen. Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist der Schutz von Menschen mit Behinderung festgeschrieben. Nun sei laut Paragraf 2 Absatz 1 des Sozialgesetzbuches IX (SGB IX) Adipositas keine Behinderung, aber, so die Auffassung des Juristen, kann dies beim Vorliegen konkreter Umstände im Arbeitsverhältnis als Behinderung eingestuft werden. Es ginge um einen leistungs- und gesundheitsgerechten Arbeitsplatz für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. So würden beispielsweise zu enge Räume, wie in einem Flugzeug, die Tätigkeit von schwer übergewichtigen Menschen nicht zulassen. Dann könne dies aber auch aus Arbeitgebersicht eine unzumutbare Beeinträchtigung sein und somit zu einer Kündigung führen. Rechtsanwalt Dr. Müller plädierte jedoch in seinem Vortrag für einen umsichtigen Umgang mit diesem Thema, bevor sich ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin diskriminiert fühlen könnte.

Körperwahrnehmung wichtiger Indikator

Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski
© M. Lindner, BFW Leipzig

Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit und am IFB AdipositasErkrankungen ging in ihrem Vortrag auf das „Körperbild und Stigma bei extremem Körpergewicht: von der Mangelernährung zum Übergesicht“ ein. Dabei stellte sie die eigene und fremde Körperwahrnehmung in den Vordergrund. Diese Wahrnehmung sei geprägt von Sinnesinformationen, Gefühlen, Gedanken und Einstellungen sowie bestimmten Verhaltensweisen, die mit dem Körper zusammenhängen. Ein gestörtes Körperbild führe zu einem negativen Essverhalten, woraus sich wiederum negative Folgen für das Körperäußere ergeben. Man befinde sich einem kaum durchdringbaren Kreislauf. Oft will man diesen durch eine starke Gewichtsreduzierung, auch bei Magersucht, durchbrechen. Professorin Luck-Sikorski erläuterte in diesem Prozess, wie schnell es dann zu einem Stigma kommt. Das Äußere wird als Label der Person festgemacht und an einen negativen Stereotypen gekoppelt. Daraus können sich soziale Distanz und letztlich Diskriminierung entwickeln. Diese Diskriminierung finde sowohl bei stark übergewichtigen, als auch bei stark untergewichtigen Menschen statt. Psychische Folge habe es auf alle Fälle immer für die Betroffenen und das vermeintliche persönliche Umfeld. So herrschte seit Beginn der 1970-er Jahre bis Mitte der 1990-er Jahre die Annahme, dass gestörte Eltern-Kind-Beziehungen Hauptfaktor für die Entwicklung einer Essstörung seien. Eltern erlebten, so die Erkenntnisse der Forschungsgruppe um Professorin Luck-Sikorski, Schuldzuweisungen und Ausschluss sogar durch medizinisches Personal. Man müsse genauer hinschauen und an eine Ursachenbekämpfung herangehen.

Rundum guter Informationsaustausch

Am Informationsstand des IFB AdipositasErkrankungen wurden viele Gespräche geführt.
© M. Lindner, BFW Leipzig

In den Pausen und zum Ende des Kolloquiums hatten die Gäste die Gelegenheit, sich mit den Referenten sowie untereinander über die Erfahrungen mit der Problematik Essstörungen im Arbeitsleben auszutauschen. Das IFB Adipositas hatte eigens für die Veranstaltung einen Informationsstand eingerichtet, an dem sich die Gäste zusätzliche Informationen mitnehmen konnten und interessante Gespräche führten.

MDR-Redakteurin Katrin Hartig führte durch das Kolloquium und die abschlissende Diskussionsrunde.
© M. Lindner, BFW Leipzig

Durch die abschließende Diskussionsrunde führte Moderatorin Katrin Hartig und fasste mit den anwesenden Referenten die Inhalte sowie die Fragen der Teilnehmer des Reha-Kolloquiums noch einmal zusammen. Dabei wurden auch noch einmal Ideen zur Sprache gebracht, wie man Essstörungen verhindern könnte. „Lebensmittelampel“, „Zuckersteuer“, „Gesundheit als Unterrichtsfach“, „Ausbau des Sportunterrichts an Schulen“ waren nur einige Schlagworte, die dabei diskutiert wurden. Übereinstimmend plädierten die Referenten, dass es ein abgestimmtes System der Prävention geben muss, um Essstörungen zu vermeiden.