Rehawissenschaftliches Kolloquium 2014

Traumatische Erlebnisse in der Arbeitswelt

Herausforderung: Prävention und Nachsorge

8. Mai 2014 im Berufsförderungswerk Leipzig

Grußwort

Alois Fischer, Geschäftsführer BFW Leipzig
© A. Starke, BFW Leipzig

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Jahre 2011 haben sich ca. 1,2 Millionen Arbeitsunfälle ereignet, von denen 0,13 Millionen auf den Bereich Verkehr entfielen. Rund 70.000 Menschen wurden auf öffentlichen Plätzen in Deutschland Opfer physischer Gewalt. Im Jahr 2012 wurden bis Juli 579 Soldaten mit einer PTBS offiziell in der Bundeswehr behandelt.
Diese Zahlen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, dem ZDF oder dem Sanitätsdienst der Bundeswehr lassen aufhorchen. Sind es doch Zahlen, die mit Schicksalen vieler Menschen verknüpft sind. Menschen, die nach diesen Erlebnissen häufig psychische Beeinträchtigungen zurückbehalten.
Wir möchten diese Fakten als Hintergrund für unser diesjähriges Rehawissenschaftliches Kolloquium nehmen. „Traumatische Erlebnisse in der Arbeitswelt – Herausforderung: Prävention und Nachsorge“ haben wir unsere Fachtagung genannt. Die Referenten und Teilnehmer an der Podiumsdiskussion gehen den Folgen sowie deren Behandlung näher auf den Grund.
Ich möchte Sie einladen, an dem Erfahrungsaustausch teilzunehmen. Tragen Sie mit Ihren Fragen und Diskussionsbeiträgen zu einer Bereicherung des Rehawissenschaftlichen Kolloquiums bei. Und nehmen Sie für die Prävention und Nachsorge neue Erkenntnisse mit zurück in Ihre Unternehmen und Institutionen.
In diesem Sinne freue ich mich schon auf die Referate und die anschließende Podiumsdiskussion.

Ihr Alois Fischer | Geschäftsführer BFW Leipzig

Tagungsbericht

Rehawissenschaftliches Kolloquium „Traumatische Erlebnisse in der Arbeitswelt – Herausforderung: Prävention und Nachsorge“

Zum dritten Mal fand im Berufsförderungswerk Leipzig (BFW Leipzig) ein rehawissenschaftliches Kolloquium statt. Wieder stand ein Thema auf der Tagesordnung, dass psychische Beeinträchtigungen betrachtete: „Traumatische Erlebnisse in der Arbeitswelt – Herausforderung: Prävention und Nachsorge“. Ob Arbeitsunfälle oder im Arbeitsalltag auftretende Unfallereignisse im Zusammenspiel mit Dritten, allein, wenn man sich die Zahlen aus dem Jahr 2012 betrachtet, weiß man um die Bedeutung dieses Themas. So hat es laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2012 „1.080 Todesopfer durch Arbeitsunfälle gegeben …, wovon 517 auf den Bereich Verkehr entfielen“.  Grafik 1:*) Die in der Kategorie Verkehr enthaltenen Anteile aus dem Arbeitsbereich - 517 tödliche Unfälle und 0,13 Mio. Unfallverletzte - sowie dem Schulbereich - 45 tödliche Unfälle und 0,05 Mio. Unfallverletzte - sind in der jeweiligen Mischfarbe dargestellt. Vor diesem Hintergrund folgten gut 100 Gäste der Einladung des BFW Leipzig zum diesjährigen Expertentreffen. Zehn Referenten und Teilnehmer an der abschließenden Podiumsdiskussion konnten den Gästen neueste Erkenntnisse sowie ihre Erfahrungen in der Prävention und Nachsorge von traumatischen Erlebnissen in der Arbeitswelt vermitteln.

Folgen von Extremerlebnissen mindern

Dr. med. Hannelore Döhler vom Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr stellte in ihrem Grußwort die generellen Maßnahmen zum Schutz vor psychischen Belastungen am Arbeitsplatz in den Mittelpunkt. Dabei verwies sie darauf, dass es in jeder Tätigkeit psychische Belastungen geben kann. Unternehmensführung, Personalvertretungen, die Arbeitnehmer selbst sowie die Politik und Gewerkschaften seien aber aufgefordert, mit sozialer und fachlicher Kompetenz chronischen Folgen gegenzusteuern. Die Arbeitszeit sei dabei einer der Hauptpunkte nach Aussage von Dr. Hannelore Döhler, die gleichzeitig dem Sächsisches Präventionsnetzwerk Psychische Fehlbelastungen, Konfliktsituationen und Mobbing am Arbeitsplatz als Leiterin vorsteht. Mobbing oder mobbingähnliche Situationen seien ein weiteres Thema, womit sich Betroffene in den letzten Jahren vermehrt an das Präventionsnetzwerk wenden würden und es sei sehr wichtig, diesen Erscheinungen in der Arbeitswelt entgegenzuwirken. Flucht in die Arbeitsunfähigkeit, Depression und schlimmsten Falls Suizid sind die Folgeerscheinungen der psychischen Belastung durch Mobbing und reihen sich damit in die Phalanx von traumatischen Erlebnissen in der Arbeitswelt ein.
Die Folgen von Extremerlebnissen gilt es künftig noch mehr zu mindern, um gesundheitsgefährdende und chronische Folgeerscheinungen zu verhindern. Traumatische Erlebnisse störten das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit am Arbeitsplatz und beeinflussten somit die Arbeitsmoral. Innerbetrieblich sollten die Mitarbeiter auf die Gefahren hingewiesen und somit besser vorbereitet werden.
Die Politik habe mit der konzertierten Aktion von Bund, Ländern und Unfallversicherungsträgern – der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) – reagiert und plane die Umsetzung des Arbeitsprogramms Psyche (http://www.gda-portal.de/de/Arbeitsprogramme2013-2018/Psyche.html) u.a. zum Schutz vor traumatischen Erlebnissen für die Jahre bis 2014.

Psychische Belastungen sind Bestandteil der Arbeitswelt

Die Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer M.A., M.S. (USA) Andrea Mrazek bestätigte die Aussage von Dr. Hannelore Döhler, dass die psychischen Belastungen Bestandteil der Arbeitswelt seien. Dies wäre jedoch auch der Ansatz zur Prävention. Wenn man von den Zahlen der psychischen Erkrankungen pro Jahr, die bei 30 bis 33 Prozent liegen, ausginge, liegt die Vorstellung nahe, dass jeder Mensch betroffen sein könnte. In der chronischen Belastung läge der Analyse ihrer Kammer zu Folge die Ursache für psychische Erkrankungen. Wobei es auch immer ein Zusammenspiel innerhalb des sozialen Rahmens, aus Arbeits- und persönlichem Umfeld sowie genetischen Faktoren sei. Denn die Auslösefaktoren für psychische Erkrankungen müssten nicht nur allein in der beruflichen Tätigkeit liegen, haben aber genau dort ihre volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Diese schlügen sich in vermehrter Arbeitsunfähigkeit und daraus folgend der Frühverrentung nieder. Die Psychotherapeutenkammer geht davon aus, dass jede zweite Frühverrentung der jährlich 75 Tausend auf psychischen Erkrankungen basiere.
Aber auch die Arbeitssuchenden beträfen diese Belastungen. So sei ein Drittel der Empfänger von Hartz IV psychisch krank. Speziell Depressionen würde hier am häufigsten diagnostiziert.
Insgesamt gebe man im Jahr für die Behandlung von psychischen Erkrankungen rund 2 Milliarden Euro aus. Dabei zeigt die Praxis, dass das Krankheitsbild im Vergleich zu den Vorjahren nicht vermehrt aufgetreten ist, aber das Wissen sowie die Diagnostik und damit die Erkennung psychischer Krankheiten hat  sich in den letzten Jahren verbessert. Das führe auch dazu, dass die Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer psychischen Diagnose 14 Prozent auf die Gesamtzahl pro Jahr ausmache.
Oftmals führen die langen Krankheitsverläufe unweigerlich zum Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess.
Die Ursachen in Folgendem:

  • Unterversorgung im ambulanten Bereich bei den Psychotherapeuten und Fachärzten;
  • Jeder dritte Betroffene wartet Im Durchschnitt 3 bis 4 Monate auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten;
  • Jeder zweite erhält keine Rehaleistungen und damit ein bedarfsgerechtes Integrationsangebot;
  • Nur 20 – 30 Prozent der Patienten werden bei schweren Depressionen leitliniengerecht behandelt (ein Drittel in Sachsen);

Daher wäre es aus Sicht der Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer wünschenswert, nach der Diagnose eine zeitnahe ambulante Behandlung durchzuführen, um einer späteren stationären Behandlung oder eines chronischen Krankheitsverlaufes vorzugreifen. Und, bezogen auf die Arbeitswelt, empfiehlt Andrea Mrazek den Betriebsärzten, verstärkt den Rat von Psychotherapeuten einzuholen und mit einzubeziehen.

Traumatisierung als Arbeitsunfall

In ihrem Doppelvortrag „Trauma – Psyche – Job: Prävention psychischer (Folge-) Störungen aus Sicht von BAuA und DGUV“ gingen Anne Gehrke vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) und Barbara Weißgerber von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin auf gesetzliche Grundlagen, Zahlen und präventive Handlungskonzepte ein. Gesetze, so die beiden Referentinnen, dienten zur Einhaltung der menschengerechten Arbeit. So haben die Unfallversicherungsträger mit dem In-Kraft-Treten des Sozialgesetzbuchs VII im Jahr 1996 den Auftrag, Sorge zu tragen, dass arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren verhütet werden, und seit Oktober 2013 ist die psychische Gesundheit im Paragraf 4 des Arbeitsschutzgesetzes explizit festgeschrieben. Es erfolgte also eine Gleichstellung der physischen mit den psychischen Belastungen in der Arbeitswelt. In einer Gemeinsamen Erklärung „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und des Deutschen Gewerkschaftsbundes wurde dieser Grundsatz bekräftigt.
Die Verhütung beider Ursachen für (chronische) Erkrankungen beschreibt damit einen umfassenden Auftrag zur Prävention. Grundlage für die Prävention in den Unternehmen und Institutionen sei das Arbeitsschutzgesetz, aber die gesetzliche Basis könne nur den Rahmen und nicht die einzelne arbeitsplatzbezogene Situation darstellen. Somit müssten arbeitsplatzspezifische Schutzregelungen getroffen werden. Ein traumatisches Ereignis könne dann als Arbeitsunfall eingestuft werden, wenn es als „unfreiwilliges zeitlich begrenztes, von außen auf den Körper im Kausalzusammenhang mit der Arbeit einwirkendes Ereignis“ nachgewiesen werde. Beide zählten verschiedene Beispiele für diese traumatischen Ereignisse auf.
So gebe es immer wieder Opfer durch Überfälle mit Gewalteinwirkung im Einzelhandel zu beklagen. Zwei bis drei Suizidfälle auf Bahnschienen pro Tag wären zu verzeichnen. Nach einer in Nordrhein-Westfalen durchgeführten Studie erlebten 59 Prozent der Rettungsdienstmitarbeiter in ihren Einsätzen aggressive Übergriffe, davon 27 Prozent von strafrechtlicher Relevanz. Aber auch in der Pflege, z.B. in Altenheimen, Behinderteneinrichtungen oder der häuslichen Pflege sehe sich das Pflegepersonal unterschiedlichsten Formen der Gewalt ausgesetzt.
Wie im gesamten Arbeitsschutz gelte es auch beim Thema Trauma, Gefahren vorausschauend zu erkennen, bedingungs- und verhaltensbezogene Maßnahmen abzuleiten und im Betrieb Strukturen zur Prävention und Versorgung aufzubauen. Die „psychologische Rettungskette“ beginne bei Vorsorgemaßnahmen, gehe weiter zur Akuthilfe und nachsorgenden Betreuung nach einem traumatischen Ereignis und münde – wenn erforderlich, nach einer therapeutischen Behandlung – in die Unterstützung bei der Rückkehr in die Arbeit. Die Prüfliste „Psychotrauma“ der Unfallkasse des Bundes (siehe Literaturliste) könne bei der Gefährdungsbeurteilung helfen.
Am Beispiel des Forschungsprojektes „abba – Arbeitsbelastungen und Bedrohungen in Arbeitsgemeinschaften nach Hartz IV“ stellten die Referentinnen die Risikofaktoren sowie die sich daraus ergebenden Handlungskonzepte für die ARGEs und Jobcenter vor. Neben diesem und weiteren Forschungsprojekten beider Institutionen, die Anne Gehrke und Barbara Weißgerber vertraten, wurden viele Angebote wie Broschüren, Beratungen und Qualifizierungen vorgestellt (siehe Literaturliste und Download Vortrag).

Traumafolgeschäden sind gut behandelbar

Die „Diagnostik und Behandlung psychischer Erkrankungen nach schweren Arbeitsunfällen“ bildete den Inhalt des Referats von Priv.-Doz. Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen von der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité Berlin im Sankt Hedwig-Krankenhaus. Er beschrieb Trauma als „eine Situation, in der wir hilflos sind, weil wir es nicht ändern konnten“. Es sei aber im Anschluss an solche Geschehnisse wichtig, wer für die Therapie zuständig sei. Die meisten Menschen erleiden keine psychische Erkrankung nach einem solchen Erlebnis. Der übliche Verlauf danach wäre nach der Wut oder Trauer, die Verleugnung, die Wiedererinnerung oder das Wiedererleben, das Durcharbeiten z.B. durch Trauerarbeit hin zum Akzeptieren und Weiterleben. Nur ein Teil sei von Traumafolgestörungen betroffen. Sehr wenig wissenschaftliche Empirie liege zu therapeutischen Interventionen innerhalb der ersten 72h nach der Traumatisierung vor. Vor diesem Hintergrund und teils negativen Berichten von Frühinterventionen sei hierbei Zurückhaltung geboten.
Nach Erkenntnissen des Leiters der Traumaambulanz im St. Hedwig-Krankenhaus mangele es aber in diesem akuten Spannungsfeld oft an sozialer Unterstützung. Wenn es aber zu einer manifesten Traumafolgestörung nach einem Extremerlebnis komme, sei eine spezifische Behandlung durch einen in diesem Gebiet erfahrenen Therapeuten indiziert. Prinzipiell seien auch schwere Formen der Posttraumatischen Belastungsstörung gut behandelbar. Nach der Behandlung in der Charité erlangten der überwiegende Teil der Betroffenen ihre Arbeitsfähigkeit zurück. Grundsätzlich sei aus seiner Praxis heraus zu erkennen, dass ein Trauma oft nur der letzte Auslöser für eine Arbeitsunfähigkeit sei. „Insbesondere bei Arbeitsunfällen zeigt die Erfahrung, dass die Therapieziele bezüglich Motivation und Arbeitsfähigkeit von Beginn an transparent geklärt werden“, beendete Priv.-Doz. Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen seinen Vortrag.

PTBS – Hilfe am Einsatzort der Bundeswehr schon notwendig

Eine besondere Form der psychischen Erkrankungen aufgrund eines traumatischen Ereignisses stellte Prof. Dr. med. Hubertus Himmerich vom Universitätsklinikum Leipzig in seinem Referat „Diagnostik und Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Soldaten der Bundeswehr“ vor. Mit den notwendigen Hintergrundinformationen zu Einsatzgebieten und -aufgaben leitete Prof. Himmerich seinen Vortrag ein. Dabei ging er auch auf die Einsatzbedingungen ein, die die medizinische und psychologische Versorgung der Bundeswehrangehörigen betreffe. Wichtig war ihm zu betonen, dass zu den militärischen Konfrontationen und den sich daraus ergebenen psychischen Belastungen auch die der strafrechtlichen Verfolgung in Deutschland als zusätzliche Bedrohung wahrgenommen würden. Der Soldaten in den Einsatzgebieten fehle es oft an Rückenhalt aus den Medien und der Bevölkerung, denn sie seien auf mehrheitlichen Beschluss des Deutschen Bundestages in die jeweiligen Krisenherde geschickt worden.
Zu den Einsatztrauma, die die Soldaten und zivilen Beschäftigten vor Ort erleben würden zählten nicht nur die persönliche Einbindung in Kampfhandlungen, sondern auch der Verlust von Kameraden oder zivile Opfer aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die man mit Hilfseinsätzen in der Vergangenheit unterstützt hätte. Auch Prof. Himmerich beschrieb den Verlauf nach einem traumatischen Erlebnis, wie sein Vorredner in den entsprechenden Phasen. Er machte aber darauf aufmerksam, dass es gerade bei den männlichen Soldaten zu beobachten sei, dass sie mit diesen besser umgehen könnten. Weibliche Soldaten hätten bei Auslandseinsätzen gegenüber Männern ein sechsfach erhöhtes Risiko, an einer PTBS zu erkranken. Prof. Himmerich plädierte dafür, weibliche Bundeswehrangehörige grundsätzlich nicht in Kampfeinsatzgebiete zu schicken.
Im Verlauf der Kampfeinsätze von 1996 bis 2013 sind die PTBS-Behandlungen stetig angestiegen. 2013 wurden 1.423 Bundeswehrangehörige behandelt. Dabei entfielen allein 1.141 auf den ISAF-Einsatz in Afghanistan. Diese Entwicklung sei wie in der zivilen psychotherapeutischen Praxis auch auf neue Erkenntnisse in Diagnostik und Therapie zurückzuführen. Besonders die Erfahrungen aus den Militäreinsätzen der USA hätten zum Fortschritt in den Behandlungsmethoden geführt.
Zu den wichtigsten Punkten in der Behandlung nach traumatischen Erlebnissen gehöre die Einsicht, Hilfe sofort am Einsatzort anzubieten. In erster Linie zählten zu den Hilfsangeboten:

  • Selbst- und Kameradenhilfe
  • Peers (psychologische Ersthelfer)
  • Einbindung von Vorgesetzten, Militärseelsorge, Truppenpsychologe, Truppenarzt sowie Wehrpsychiater und Fachkrankenpfleger
  • Unterbringung im Feldlazarett (15-20 Betten)
  • TelemedizinNutzung des Psychosoziales Netzwerkes der Bundeswehr
  • Repatriierung und Weiterbehandlung im Heimatland

Die Bundeswehr habe in dem Prozess der vielen Erfahrungen mit internationalen Beteiligungen an militärischen Einsätzen ein umfangreiches Hilfesystem für zurückkehrende Soldaten etabliert. Brigadegeneral Klaus von Heimendahl sei aktuell der zuständige Beauftragte des Verteidigungsministeriums. Hinzu kommen Therapiemethoden, um den Angehörigen der Bundeswehr ein komplexes Angebot unterbreiten zu können. Dies alles diene dazu, um den Militärmitarbeitern Alternativen und einen gewissen Schutzraum für ihre spezifischen Probleme zu präsentieren.

Betreuungskonzept fängt mit Prävention an

Über den „Umgang mit traumatisierenden Ereignissen bei der DB“ berichtete Annett Schlesier vom Gesundheitsmanagement der Deutschen Bahn AG. Am Anfang verdeutlichte sie mit aktuellen Zahlen die Problematik aus Sicht der Deutschen Bahn. So registrierte die Bundespolizei im Jahr 2013 1.200 Körperverletzungen gegenüber Bahnmitarbeitern und insgesamt 14.600 Körperverletzungsdelikte auf Bahnhöfen und in Zügen. Das Erleiden einer Körperverletzung, aber ggf. auch das Erleben eines solchen Vorfalles sind belastende Erlebnisse.
Traumatisierende Ereignisse im Zusammenhang mit dem Eisenbahnverkehr sind jedoch überwiegend Überfahrungen im Gleis: 2012 ereigneten sich ca. 2 bis 3 Überfahrungen pro Tag, bei denen es sich in den meisten Fällen um Suizide oder Suizidversuche handelte.
Während insgesamt seit 1980 die Suizidrate in Deutschland sich reduziert hat, bleibt die vorsätzliche Selbstbeschädigung, so die Sachbezeichnung, die häufigste der unnatürlichen Todesfälle. Dabei sei in zunehmendem Maße die Selbstbeschädigung durch bewegte Mittel, sprich durch Fahrzeuge, zu beobachten.
Die Deutsche Bahn hat in ihrer Statistik dargestellt, dass für die Selbsttötung überwiegend die freie Strecke gewählt werde. Schienensuizide treffen statistisch jeden Lokführer zweimal während seiner Berufslaufbahn.
Für fast alle Menschen ist es sehr belastend, wenn sie miterleben, wie ein anderer Mensch schwer verletzt oder getötet wird, oder sie selbst angegriffen werden.  Mit Blick auf die Situation des Lokführers kann es neben der Schockreaktion auch zu einem gefühlten Rollentausch Täter – Opfer kommen. Dem Lokführer bleiben oft nur Sekunden zum Reagieren ohne jegliche Chance zur Änderung der Situation.
Das Betreuungskonzept der Deutschen Bahn basiert auf den Erkenntnissen der Traumapsychologie und den Erfahrungen der Lokführer. Es beginnt mit der Prävention schon in der Ausbildung. Hier setzen sich die künftigen Lokführer mit dem Fakt auseinander, dass ihnen ein solcher Vorfall selbst wiederfahren könnte und bereiten sich gedanklich darauf vor.
Wichtig ist, bereits im Vorfeld zu wissen, welche Reaktionen des Körpers und der Seele auftreten können und zu lernen, was in diesem Falle helfen kann. Ein entscheidender Punkt ist die Reaktion des sozialen Umfeldes. Von Beginn an steht der Lokführer nicht allein mit dem Erlebten da. Der Erstkontakt kommt über den Notfallmanager per Telefon zustande, bis sich ein Ersthelfer vor Ort um den Lokführer kümmert. In dieser Akutphase spielt die psychologische erste Hilfe eine wichtige Rolle. Der betroffene Mitarbeiter wird sofort vom Dienst abgelöst und in eine vertraute Umgebung (oft nach Hause) begleitet. Die Nachbetreuung durch einen eine Vertrauensperson oder den Vorgesetzten schließt sich an. Bei Bedarf kann der Bahnmitarbeiter psychologische Unterstützung bis hin zu einer Therapie in Anspruch nehmen. Der Wiedereingliederungsprozess wird individuell gestaltet und ist nicht an bestimmte Zeitvorgaben gebunden. In diesem Prozess müsse man dem Betroffenen Zeit lassen, um sich zu stabilisieren und sich selbst zu heilen, bevor zu schnell „psychologisiert“ wird.
Das Mitarbeiter-Unterstützerteam (MUT) steht zusätzlich zur anonymen psychosozialen Fachberatung für alle Beschäftigten seit April 2012 zur Verfügung. Hiermit werden auch Mitarbeiter erreicht, die nicht im Fokus des Betreuungskonzeptes stehen, in Ihrer Tätigkeit aber auch psychisch belastende Ereignisse erleben. Aber auch Angehörige von Mitarbeitern der Deutschen Bahn können sich an das Team wenden.In dem Wissen darum, was passieren kann, wie der einzelne reagieren sollte und wie ihm geholfen werde, könne der Bahnmitarbeiter besser mit traumatischen Ereignissen in der Arbeit umgehen. 

Gesetzliche Vorgaben sind erste Maßnahmen zur Prävention

Ronny Wiecha, Richter am Sozialgericht Dessau-Roßlau, derzeit Landessozialgericht Sachsen-Anhalt stellte in seinem Referat die „Arbeitsrechtlichen Aspekte der Unfallprävention und -folgen“ in den Fokus. Sein dreigliedriger Vortrag begann mit der Einordnung des Arbeitsunfalls in die Zuständigkeit der Gerichtsbarkeiten. Solange sich die Arbeitnehmer und Arbeitsgeberseite auseinandersetzen greife das Arbeitsrecht. Sobald die Berufsgenossenschaft zwingend hinzugezogen wird, fällt in Bezug auf den Arbeitnehmer die Zuständigkeit ins Sozialrecht und beim Verhältnis Arbeitgeber und Berufsgenossenschaft ist Sozial- und Arbeitsrecht einschlägig. Dabei geht es in erster Linie um die Schaffung, die Einhaltung und die Kontrolle von Unfallverhütungsvorschriften. Dafür wurden, so betonte Ronny Wiecha im zweiten Teil, branchenspezifische Regelungen zum Arbeitsschutz getroffen, die zur Unfallverhütung und besseren Kontrolle beitragen sollen. Es existiere in Deutschland ein duales System zur Regelung des Arbeitsschutzes, das sich einerseits aus dem staatlichen Recht und zum anderen den Unfallverhütungsvorschriften der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung zusammensetzt. Dieses wird sowohl von den Berufsgenossenschaften der jeweiligen Branchen und der Gewerbeaufsicht überwacht.
Zusätzlich besteht eine Verpflichtung, bei Unternehmen über 20 Mitarbeitern einen Sicherheitsbeauftragten zu bestimmen. Aber, auch der Betriebsrat kann diesbezüglich seinen Einfluss auf den Arbeitsschutz und die Gesundheitsprävention geltend machen. Ihm obliegt der Überwachungs-, Unterstützungs- und Gestaltungsauftrag im Rahmen seiner Beteiligungs- und Mitbestimmungsrechte. Übergreifend wurden in einigen Branchen Präventionsmaßnahmen in den Tarifverträgen verankert. Letztlich sei aber jeder Arbeitnehmer, gerade wenn alle Regelungen zum Arbeitsschutz und zur Gesundheitsprävention von unternehmerischer Seite eingehalten werden, eigenverantwortlich zuständig, die Arbeitsschutzregelungen anzuwenden, einzuhalten und Verstöße Dritter unterbinden zu helfen. In seinem dritten Abschnitt erläuterte der Richter die arbeitsrechtlichen Folgen eines Arbeitsunfalls. Beginnend mit der Entgeltfortzahlung, über Entgeltersatzleistungen bis hin zu den Rentenleistungen richten sich die Leistungsansprüche der Arbeitnehmer immer auch nach Lage des jeweiligen Einzelfalls. „Keine Auskunft – Kein Geld“ ist das Motto für die transparente Informationspflicht des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber. Damit soll überprüfbar sein, wo die Ursachen eines Arbeitsunfalls liegen, in welche Zuständigkeit in Folge die Leistungsregulierung gehört und wer möglicherweise auch haftbar gemacht werden könne. In der Konsequenz eines Unfallereignisses kann auch eine Kündigung greifen. Die Wiedereingliederung des betroffenen Arbeitnehmers stehe aber bei allen Maßnahmen im Vordergrund. Daher müssten alle denkbaren Alternativen individuell geprüft, abgewogen und entsprechend angewandt werden. Auch bei einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit müsse letztlich nach einer Interessensabwägung entschieden werden.

Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion wurde von Moderatorin Katrin Hartig, leitende Redakteurin beim MDR, mit einer Zusammenfassung der Hauptthesen der am Vormittag gehörten Referate eingeleitet. Daraus ergab sich eine lebhafte Diskussion, an der sich neben den Hauptreferenten Annett Schlesier, PD Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen, Prof. Hubertus Himmerich und Richter Ronny Wiecha auch zwei Experten auf dem Gebiet der Prävention und Nachsorge im Bereich der öffentlichen Nahverkehrsmittel beteiligten. Dr. Michael Franz, Centerleiter Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) und Thomas Schmidt, Medizinischer Psychologe und Traumatherapeut an den BG-Kliniken Bergmannstrost Halle haben gemeinsam ein Konzept zur „Betreuung von Fahrpersonal nach schweren Verkehrsunfällen oder Übergriffen“ für die Leipziger Verkehrsbetriebe erarbeitet.

Wie sinnvoll sind die unterschiedlichen Versorgungswerke für eine effektive Therapie?

PD Dr. Olaf Schulte-Herbrüggen wies in der Diskussion darauf hin, dass normale Belastungssymptome eines Patienten nicht zusätzlich pathologisiert werden sollten. Eine Orientierung auf einen langen Therapieverlauf sei nicht ratsam. Als Therapeut sollte man seinen Patienten kennen und daraus eine individuelle Therapie entwickeln. Das spare Kosten.

Gefahr der Retraumatisierung besteht

Prof. Hubertus Himmerich ging noch einmal darauf ein, dass nicht alle traumatischen Ereignisse zu einer PTBS führen würden. Frühere Traumatisierungen spielten immer eine wichtige Rolle. Bezogen auf die Bundeswehr machte er deutlich, dass die Soldaten sich bewusst für einen Einsatz in Krisengebieten entschieden hätten und damit über die Risiken wüssten. Dies und das soziale Umfeld würde zu einem Genesungsprozess beitragen. Zudem ist er der Überzeugung, dass es auch möglich sei, dass man mit der Bewältigung (z.B. im Prozess der Selbstheilung) an einem solchen Erleben für spätere Einsätze wachsen könne. Dabei schloss er nicht aus, dass es ein hohes Risiko der Retraumatisierung geben würde. Um dagegen zu wirken, bedürfe es einer guten Therapie.
Prof. Himmerich gab jedoch auch zu bedenken, dass eine Verhaltenstherapie zu Veränderungen des Menschen führen könne. Über derartige Nebenwirkungen lägen bislang noch keine aussagekräftigen Forschungsergebnisse vor.

Stabilisierung der eigenen Lebensumstände ist ein wichtiger Punkt

Thomas Schmidt berichtete aus seiner Praxis, dass oft nur der direkte Unfallzusammenhang betrachtet werde. Es gebe aber auch Fälle von Vorbelastungen, wo der Unfall nur der Auslöser für eine psychische Erkrankung sei. Ein rechtzeitiges Erkennen dieser Umstände und das Erklären der Ursachen gegenüber dem Patienten helfen bei der Therapie.
Er sprach nochmals das Problem der therapeutischen Unterversorgung besonders im ländlichen Raum an, wie es bereits Andrea Mrazek in ihrem Eröffnungsreferat erwähnte. Dies führe zu Verzögerungen in der Behandlung von traumatisierten Patienten. Es ginge in vorderster Linie um eine schnelle Stabilisierung des Patienten, seiner Lebensumstände und auch des sozialen Umfeldes unter Einbeziehung der Familie. Dabei könne der Therapeut wirksam helfen.

Betriebliches Eingliederungsmanagement als ein Weg zurück in Arbeit

Annett Schlesier warb nochmals dafür, physische und psychische Erkrankungen als gleichberechtigt wahrzunehmen. Dazu müssten auch Vorgesetzen in den Unternehmen sensibilisiert werden. Das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) spiele dabei eine wichtige Rolle. Hier könnten die Beteiligten – Vorgesetzter und betroffener Mitarbeiter ggf. gemeinsam mit dem Betriebsarzt – herausfinden, welche Tätigkeit der Arbeitnehmer ausführen könne und mit welchen Maßnahmen er unterstützt werden kann. Im Umgang mit Mitarbeitern, die nach einer  psychischen Erkrankung an den Arbeitsplatz zurückkehren, müssen auch die Führungskräfte den Umgang mit diesem „neuen“ Mitarbeiter  lernen. Sie machte deutlich, dass Mitarbeiter sich im Therapieverlauf verändern können und bisherige Verhaltensmuster ablegen. Ziel aller Angebote und Maßnahmen der Deutschen Bahn ist es, den Mitarbeiter auf dem Weg zurück in beruflichen Alltag zu begleiten – sei es nach einer Erkrankung über das Betriebliche Eingliederungsmanagement oder nach einem traumatisierenden Ereignis über das Betreuungskonzept.

BEM als Partnerschaftsmodell

Dr. Michael Franz unterstützte die Anmerkungen zum BEM. Er sehe dieses als wichtigen Faktor zur Mitarbeiterbindung. Auch wenn der Mitarbeiter nach dem direkten Erleben z.B. eines Unfalls nicht mehr auf den gleichen Arbeitsplatz zurückkehren könne, so bringe er doch wichtige Erfahrungen für einen anderen Bereich mit. Er kenne das Unternehmen, seine Mitarbeiter und die Betriebsabläufe. Das sei ein unbezahlbarer Wissensschatz gegenüber einer Neueinstellung, die sich erst ins Unternehmen einarbeiten müsse. Hier komme es auf ein partnerschaftliches Miteinander an. Aber, das Vertrauen spiele auch eine wichtige Rolle betonte er in Hinblick auf Anmerkungen von Richter Ronny Wiecha. Er gab zu verstehen, dass die Arbeit im BEM nicht darauf ausgerichtet wäre, Hintergründe von Erkrankungen der Betroffenen herauszufinden, um eine Kündigung durch die Geschäftsleitung vorzubereiten. Innerbetriebliche Umsetzungen oder ein direktes Wiederkommen zum vorherigen Arbeitsplatz stünden im Mittelpunkt des BEM und sei Firmenphilosophie.

Wachsende Bedeutung des BEM durch Fachkräftemangel

Richter Ronny Wiecha berichtete aus seiner Arbeit, dass einige Streitfälle aus dem BEM auf seinem Tisch landeten, die aber genau den Hintergrund hatten, vorfristige Kündigungen aufgrund von Erkrankungen auszusprechen. Ihm sei bewusst, dass er nur die negativen Beispiele zur Verhandlung vorliegen habe und unterstützte die Bemerkung von Dr. Michael Franz, dass man über die positiven Beispiele zu wenig rede. Es sah aber auch den Aspekt, dass es vorwiegend ältere Arbeitnehmer gebe, die in ihrem Bestreben auf eine Frühverrentung abzielten. Nur mit Hilfe der Mediziner könne er dann richtige Entscheidungen treffen. Besonders bei den psychischen Erkrankungen gebe er den Rat, durch Arbeitsplatzwechsel, eine neue berufliche Orientierung oder einen neuen Wohnorte eine Lösung von Problemen auf Arbeit herbeizuführen. Auch dabei könne des BEM helfen, zu dieser Umorientierung des Interesses. Aus Sicht des Arbeitnehmers und aus volkswirtschaftlicher Sicht sei die Frühverrentung das allerletzte Entscheidungsmittel. Immer mehr Unternehmen würden jetzt erkennen, dass sie auf die Erfahrungen der langjährigen Mitarbeiter nicht verzichten könnten. Daher setzen sie verstärkt auf das BEM, um die Fachkräfte für ihr Unternehmen zu binden. Damit habe das BEM in Bezug auf die aktuelle Fachkräftediskussion einen hohen Stellenwert und eine Zukunft.