„Man kann schlau sein und behindert“

Im Berufsförderungswerk Leipzig (BFW Leipzig) erhalten Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen die Chance, einen gesundheitsgerechten Beruf zu erlernen. Fred Wegner hat mit seiner Autoimmunerkrankung diesen Weg zurück in Arbeit gewählt.

„Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung“ ein Moment der Aufmerksamkeit für Menschen „mit einer Besonderheit“. © Dieter Schütz, Pixelio
„Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung“ ein Moment der Aufmerksamkeit für Menschen „mit einer Besonderheit“. © Dieter Schütz, Pixelio

„Ein Mensch mit Behinderung ist ein Mensch mit einer Besonderheit“, wird der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen im Internet zitiert. Fred Wegner* ist so ein besonderer Mensch. Er leidet unter einer Autoimmunerkrankung des motorischen Nervensystems. Diese multifokale motorische Neuropathie ist durch den langsamen Ausfall motorischer Nerven gekennzeichnet. Und nicht nur das führt zu der besonderen Lebenssituation des 38-jährigen. Er ist zudem Bluter in der schwersten Form. Diagnose: Von-Willebrand-Syndrom Typ III. Soweit die medizinische Einordnung.

Was macht Fred Wegner noch so besonders? Als ehemaliger Thai-Boxer mit Leistungssportambitionen gibt er sich nicht auf. Deshalb trotzt der gelernte Verkäufer für Bürowirtschaft seiner Krankheiten und will am Leben teilhaben. Er möchte sich seinen Wunsch erfüllen: Das Medizinstudium.

2006 wollte er über das Leipzig-Kolleg sein Abitur nachholen. Sein Motto: „Man kann schlau sein und behindert“. Aber, damals war das Bildungsinstitut nicht barrierefrei. Die Treppen sind für den jungen Mann ein zu großes Hindernis für das Lernen.

2004 lernte er durch einen Freund beim Beratungstag das BFW Leipzig erstmals kennen, um letztendlich über Umwege im Juni 2020 auf der Schulbank zu landen. Nach einigen Gesprächen und Eignungstest lässt er sich nun zum Kaufmann im Gesundheitswesen umschulen. Seine Behinderungen sollen ihm dabei nicht im Weg stehen. „Kognitiv schaffe ich die Umschulung. Ich gehe auch nicht von einer physischen Verschlechterung aus“, betont der ehemalige Athlet kämpferisch. Der neue Beruf wird ihn thematisch seinem Studienwunsch näherbringen. „Mit dem Unfallchirurgen wird es nichts mehr werden, aber vielleicht Psychiater“, so seine Pläne hinsichtlich der körperlichen Einschränkungen.

Jetzt ist aber erst einmal die berufliche Lernphase im Fokus. Einen Praktikumsbetrieb derzeit zu finden, fällt allen Umschülern, die eine Qualifizierung am BFW Leipzig absolvieren, schwer. Die Covid-19-Pandemie hat die Situation verschlechtert. Vielleicht findet Fred Wegner einen Platz im Sozialamt Leipziger Land. Dort hatte er schon während der BFW-Maßnahme zur Stabilisierung und Vorbereitung auf eine Umschulung ein Praktikum absolviert. Er kennt die Bedingungen dort.

Bis dahin muss er weitere Theoriefelder meistern. Eigens dafür bezahlte ihm die Agentur für Arbeit einen Laptop mit einer speziellen Tastatur und Maus.

Angepasste Software, ein Spracherkennungsprogramm, soll ihm das Erfassen des gesprochenen Wortes im Unterricht erleichtern. Mit einem Scanner kann er das Ausbildungsmaterialien digitalisieren. „Mein Laptop ist mein Umschulungsordner“, berichtet Fred Wegner.

Besonderen Hilfen des BFW Leipzig, wie beispielsweise die Physiotherapie, nimmt er zusätzlich in Anspruch. Alles wird ihm auf seinen Weg ans Ziel helfen. Schaffen will er es trotz seiner Behinderungen. Diese Besonderheiten prägen ihn: „Ich unterliege einer Entwicklung, die jeden betrifft. Wir verändern uns im Älterwerden körperlich stetig. Bei mir geht es nur etwas schneller.“

Zum „Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung“ am 3. Dezember 2020 kommt er wie jeden Tag zum BFW Leipzig, macht den Laptop an und nimmt Wissen auf. In den Umschulungsalltag integriert, arbeitet sich Fred Wegner vorwärts, um seinen Lebenstraum trotz seiner Besonderheit als behinderter Mensch wie die gut 1.000 Teilnehmenden im BFW Leipzig zu erfüllen.

„Wir ermöglichen den Menschen, die durch Unfall oder Krankheit ihren bisherigen Beruf nicht mehr ausüben konnten, durch die berufliche Rehabilitation den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt und somit die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben“, betont Jörg Beenken, Geschäftsführer des BFW Leipzig. „Wir sind ein wichtiger Bestandteil in der Reihe von Hilfsangeboten für die Betroffenen. Durch den Neueinstieg in Arbeit wird für sie nicht nur eine materielle Basis geschaffen, sondern es stärkt das Selbstwertgefühl. Menschen mit Behinderung gehören zum Alltagsbild.“